Die Zeit nach der Flucht hatte sich Kathrin, 16, schon virgestellt: ausgehen, moderne Klamotten tragen, Freunde haben, wie andere M?dchen auch. “Ich war mir sicher, dass ich sofort eine eigene Wohnung bekommen und ein super Leben f?hren w?rde. Und ich habe gedacht, dass mir meine Eltern total egal sind. Aber dann hat alles ganz anders ausgesehen.”
Ihr Vater ist T?rke, ihre Mutter Deutsche. Sie ist streng nach den Regeln des Islam erzogen. Das hei?t: Gehorsam. Sie muss aslo tun, was ihr Vater sagt. Gestritten hat sie mit ihrem Vater nie. Dazu hat sie zu viel Angst vor ihm gehabt.
Kathrin beginnt, ein Doppelleben zu f?hren, flieht vor den Eltern in eine Welt aus Tagr?umen, B?chern und Musik. Irgendwann hilft das auch nicht mehr. T?glich sieht sie sich mit den Wutanf?llen, dann wieder mit ?berraschenden Liebesbeweisen des Vaters konfrontiert. Ausgehen darf sie nicht. Sie darf die Wohnung nur verlassen, um den M?ll runterzubringen und um zur Schule zu gehen.
Weil die Mutter nicht helfen kann, trifft Kathrin ihre erste eigene Entscheidung: Sie w?hlt die Telefonnummer der IMA, der Initiative M?nchner M?dchenarbeit, die ihr eine Freundin gegeben hat. Und sie fragt, ob sie dort Hilfe finden kann.
Drei solcher Zufluchtsstellen gibt es allein in M?nchen. Sie bieten psychisch ?berlasteten Jugendlichen Asyl – und sei es auch nur f?r ein paar Tage, um Klarheit dar?ber zu geweittinnen, wie es nun weitergehen soll. Hier k?nnen Jugendliche in Ruhe dar?ber nachdenken, ob die Entscheidung , von zu Hause wegzulaufen, richtig war.
Innerhalb von 24 Stunden m?ssen die Eltern informiert werden, dass ihr Kind hier ist. Sind sie nicht einverstanden, schaltet sich das Vormundschaftsgericht ein. Wenn dem Jugendlichen zu Hause Gewalt droht, kann es entscheiden, den Jugendlichen auch gegen den Willen der Eltern aufzunehmen.
Bei Kathrin war es nur eine Kleinigkeit, die die Flucht ausgel?st hat. Zum hundertsten Mal schl?gt ihr Vater sie. Am Abend, als die Eltern auf der Arbeit sind, l?uft sie, die Taschen voller Kleider, weg. Ihrem kleinen Bruder sagt sie, dass sie nur schnell mal Spagetti kaufen will.
Weil sie noch nie mit der U-Bahn gefahren ist, geht sie zu Fu? bis nach Pasing. Um drei Uhr nachts kommt sie im M?dchenhaus der Zufluchtsstelle an. Vom Laufen tut ihre F??e furchtbar weh, aber sie f?hlt sich sehr erleichtert. Gleichzeitig hat sie wahnsinnige Angst, weil sie etwas Verbotenes getan hat. Sie f?rchtet, dass ihr Vater sie wieder finden k?nnte.
Heute wei? Kathrin, dass sie Gl?ck gehabt hat. Sie kennt die Geschichten von Ausrei?ern, die irgendwo auf der Sra?e landen, die falschen Leute kennen lernen, kriminell werden. Sie hat auch schon von ein paar anderen Jugendlichen geh?rt, die wegen “ausgepr?gter Weglaufsymptomatik” in eine psychiatrische Klinik gebracht wurden. Seit zwei Jahren wohnt sie zusammen mit drei anderen Ausrei?erinnen in einer Wohngemeinschaft f?r M?nchner “Familienfl?chtlinge”. Dort hat jedes M?dchen ihr eigenes Zimmer. Einkaufen, Abwaschen, Saubermachen teilen sie sich. Sie lernen dort, ein normales Leben zu f?hren. Ohne Angst, ohne Schl?ge, ohne Drohungen.
Kathrin genie?t es nun, auszusprechen, was sie denkt. Sie hat in der Wohngemeinschaft auch gelernt, richtig zu diskutieren. Hier h?ren ihr die anderen zu, zeigen ihr aber auch, wie weit sie gehen kann. Nach vielen Gespr?chen mit ihrer Therapeutin hat sie erkannt, wo ihr Problem liegt. Sie wei? nun, dass sie sich von niemandem benutzen lassen darf, wie es ihr Vater mit ihr machte. Inzwischen bekommt Kathrin von ihren Eltern eine Menge Liebesbriefe und Geschenkk?rbe. Doch gew?hnlich sind die Versprechen der Eltern, alles werde anders und gut, mit Skepsis zu beurteilen, meint eine der Psychologinnen aus dem M?dchenheim in M?nchen-Pasing. Die Familien der M?dchen haben n?mlich meistens gro?e Probleme und m?ssten eine Familientherapie besuchen. Will ein M?dchen wirklich wieder nach Hause, werden die Eltern vor der R?ckkehr zu einem Gespr?ch eingeladen. H?ufig handelt man mit ihnen schriftliche Vereinbarungen aus. Darin regelt man, dass die Eltern das Kind nicht mehr schlagen d?rfen, wie viel Ausgang es hat, dass es einen eigenen Wohnungsschl?ssel bekommt.
Der Entschluss, von zu Hause auszurei?en, tut Kathrin nicht Leid. Nur ein furchtbar schlechtes Gewissen hat sie manchmal. Denn sie wei?, dass ihre Mutter sie liebt. Auch heute noch packen Kathrin Schuldgef?hle, wenn ihre Mutter sie am Telefon bittet, nach Hause zu kommen, und sie dann merkt, dass es ihrer Mutter ziemlich schlecht geht. Kathrin denkt of an ihre Familie. Ihre Gedanken sind jetzt nicht mehr so traurig, so stark von Wut und Hass erf?llt. Manchmal gibt es jetzt Momente, da sagt sie: “W?rme gab es zwar nie bei uns zu Hause, aber ich habe immer noch die Hoffnung, dass sich meine Eltern vielleicht ge?ndert haben, dass es noch sch?n sein k?nnte bei uns. Ich gebe den Traum einfach nicht auf.”